dc.description.abstract
„Schon wieder eine Arbeit zum Risikomanagement bei Bauprojekten? Welchem Themenbereich ist sie gewidmet – der Modellierung und Überlagerung einer Vielzahl an Risiken und Chancen,dem übergeordneten Management und dessen Entscheidungen auf Grundlage von komplizierten Berechnungsverfahren oder der Vorhersage einzelner Ereignisse und deren Auswirkungen unter dem Einsatz von Expertenwissen?“ So oder so ähnlich lauten wahrscheinlich Ihre ersten Gedanken, wenn Sie den Titel vorliegender wissenschaftlicher Arbeiten zu Risikomanagement und Kostensicherheit lesen. Vorweg genommen sei – diese Dissertation ist anders, denn wie derTitel weiter verrät, kommt die Methode des Reference Class Forecasting für die Prognose eines Risikozuschlages bei Bauprojekten zum Einsatz.Stellen Sie sich ein sehr großes (Bau)Projekt vor. Wie bewerten Sie dessen Risiken und Chancen? Die überwiegende Mehrheit der Menschen macht sich mit dem Projekt vertraut, erhebt Details,knüpft Szenarien, holt Expertenwissen zu abgegrenzten Problemstellungen ein und schätzt zuletzt Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkung etlicher Risiken und Chancen – meist auf Basis eigener Erfahrungen. Diese werden summiert oder mit Hilfe von Simulationen überlagert, um die Risikokosten zu erhalten. Je nach Bereitschaft des einzugehenden Sicherheitsniveaus sind die berechneten Kosten eines Bauprojektes damit zu beaufschlagen, um die Risiken abzudecken.Dieser Zugang liefert bei großen und komplexen Bauprojekten in der Regel nicht die gewünschten Ergebnisse, wie statistische Datenauswertungen zu Kostenüberschreitungen zeigen.Gründe für die Abweichungen sind eine zu optimistische Selbsteinschätzung, Komplexität großer Infrastrukturprojekte, Schwachstellen in den Prognoseverfahren, politische Interessen sowie der Umgang des Menschen mit Risiken und Chancen selbst. Unser Gehirn hat, auf Grund seiner Entwicklungsgeschichte, essenzielle Schwierigkeiten in der Vorstellung und dem Umgang mit großen Zahlen – wie beispielsweise den Gesamtkosten eines Infrastrukturprojektes – und der unterschiedlichen Bewertung von Risiken und Chancen. Laut dem Nobelpreisträger Daniel Kahneman ist die Bewertung von Risiken und Chancen aus einer solchen Inside View heraus anfällig für Fehler.Um realistische Prognosen aufzustellen, eignet sich die Outside View besser, da diese auf Basisvergleichender Analysen ähnlicher Projekte, unter einer zugrunde liegenden Statistik, realistische Ergebnisse herleitet. Für die Prognose wird ein Projekt nicht als Unikat behandelt (was bei großen Infrastrukturprojekten auf Detailebene sicherlich der Fall ist), sondern auf höherer Flugebene mit ähnlichen Projekten verglichen. Dieses Verfahren nennt sich Reference Class Forecasting und stellt als Top-Down-Methode eine sinnvolle Alternative zu gewöhnlichen Bottom-Up-Techniken dar.Dabei wird ein neues Projekt zufolge charakteristischer Merkmale und deren Ausprägung in eine Referenzklasse eingeteilt. Den Referenzklassen ist eine Statistik aus abgeschlossenen Projekten hinterlegt – in diesem Fall der tatsächlichen Risikozuschläge, die es gebraucht hätte, um ein Projektpositiv abzuschließen (die Anwendung bei Kostenüberschreitungen oder Bauzeitveränderungen ist ebenfalls möglich). Durch die Zuweisung in eine Referenzklasse erhält ein Unternehmen Auskunft darüber, welcher angemessene Risikozuschlag (in Form einer Bandbreite) empfohlen wird. Der Vorteil ist, dass auch das gänzlich Unbekannte – vergleichbar mit dem Black Swan als Sinnbild für höchst unwahrscheinliche Ereignisse mit enormer Auswirkung – in dieser Methodeseine Berücksichtigung findet. Es ist davon auszugehen, dass jedes abgeschlossene Projekt seine unbekannten Anteile hatte und diese in der Projektstatistik Berücksichtigung finden. Mit dieser Methode wird für ein komplexes Bauprojekt jener angemessene Risikozuschlag hergeleitet,in welchem sich sowohl die zuvor identifizierten Risiken und Chancen als auch das gänzlich Unbekannte bewegen.Die vorliegende Arbeit entwickelt ein datenbasiertes Risikomanagementmodell für Bauunternehmen,zur Empfehlung des Risikozuschlages komplexer und technisch anspruchsvoller Infrastrukturprojekte.Detailliert werden zwei wesentliche Hauptbestandteile ausgearbeitet. Es handelt sichum eine valide Projektklassifizierung komplexer Bauprojekte – in diesem Fall von Tunnelbauten –und eine Projektstatistik der tatsächlichen Risikozuschläge abgeschlossener Projekte.Die Projektklassifizierung erfolgt durch einen wissenschaftlich erarbeiteten Fragenkatalog. Es gilt sozusagen die verborgenen Mechanismen und Abhängigkeiten im Hintergrund eines komplexen Projektes zu ergründen, welche zu Risiken und Chancen führen. Um diesem Anspruch gerecht zuwerden, ist das Gesamtbild eines komplexen Tunnelbauprojektes in Form eines Kausal-Netzwerkes abgebildet worden. Dieses erlaubt, mithilfe mathematischer Analysemethoden, die wesentlichen Einflüsse und Klassifizierungsmerkmale zu bestimmen, um eine eindeutige Projektbewertungvorzunehmen. Bei der Bewertung wird der Heuristik-Gedanke verfolgt – stehen einem erfahrenen Menschen die wesentlichen Informationen zur Verfügung, so werden treffende Prognosen abgeleitet,selbst unter unvollständiger Information.In der Projektstatistik sind abgeschlossene Projekte des Forschungspartners analysiert. Damit werden Dichtefunktion und Verteilungsfunktion der tatsächlichen Risikozuschläge ausgearbeitet.Diese erlauben es, wahrscheinlichkeitstheoretische Aussagen bezüglich der Zuschlagssätze zugenerieren.Mittels Verschränkung zwischen den Zuschlagssätzen, deren Wahrscheinlichkeit und der Projektklassifizierungist schlussendlich ein Diagramm zur Referenzklassenprognose entwickelt worden.Dieses stellt das Primärergebnis dar, welches auf einfachste Weise Auskunft über die Bandbreitedes angemessenen Zuschlagssatzes gibt. Für das entwickelte Risikomanagementmodell ist esessenziell, die Gesamthöhe an Risiken und Chancen – in Form eines Zuschlagssatzes – hinreichendgenau zu berechnen, nicht aber jedes Risiko im Einzelnen. Es wird davon ausgegangen, dasserfahrene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den eintretenden Ereignissen umgehen müssen –egal ob sie im Vorfeld identifiziert worden sind oder das Unbekannte zu Tage tritt.Neben der datenbasierten Risikoberechnung bietet das entwickelte Modell weitere Vorteile.Neu abgeschlossene Projekte sind in die Projektstatistik mitaufzunehmen, wodurch ein sich selbst kalibrierendes Instrument entsteht. Dieses liefert Rückmeldung zur eigenen Qualität der Leistungserbringung und der Richtigkeit des angesetzten Zuschlages. Zusätzlich liegt ein neues Managementinstrument vor, welches der strategischen Ausrichtung dient.Abschließend wird das Dilemma um den tatsächlichen Risikozuschlag beleuchtet. Dem Gesetzder Wirtschaft folgend, hat sich ein Bauunternehmen bei der Zuschlagshöhe vielmehr an derKonkurrenz zu orientieren, als an den eigenen Berechnungen, um ein Projekt nach aktuellenVergabekriterien zu gewinnen. Ist dies wirklich die beste Vorgehensweise bei solch wertvollenund anspruchsvollen Bauprojekten, welche gemeinhin durch die Öffentlichkeit finanziert werden?Die Arbeit schließt mit weiterführenden Überlegungen, um die Abwicklung komplexer Infrastrukturprojekte in ein neues Licht zu rücken.
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