Oberhummer, D. (2020). Hochzeitskapellen in Japan : Architektur im Spannungsfeld zwischen Realität und Utopie [Dissertation, Technische Universität Wien]. reposiTUm. https://doi.org/10.34726/hss.2020.29988
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Erforschung räumlicher Qualitäten bei Hochzeitskapellen in Japan. Ausgehend von einer Analyse des Themenbereichs rund um das Thema "Heiraten in Japan" werden besondere Raumqualitäten und Merkmale von Hochzeitskapellen anhand von gebauten Beispielen analysiert und "echten Kirchen" gegenübergestellt. Das römische Messbuch der katholischen Kirche bzw. dem Regulativ der Eisenacher Kirchenkonferenz 1861 und dem Wiesbadener Programm aus dem Jahr 1891 der protestantischen Kirchen, welche als "Bauanleitung für Kirchenbauten" herangezogen werden, werden mit gebauten Hochzeitskapellen gegenübergestellt. Ebenso werden diese Bauten auch mit traditionellen japanischen Beispielen und Konzepten verglichen, um Abweichungen von diesen Regelwerken in der Architektur besser zu ergründen und leichter verstehen zu können. Obwohl die Bauaufgabe "Hochzeitskapelle" in Europa weitgehend unbekannt ist, stellt sie in Japan einen wichtigen Wirtschaftszweig dar. Die Erforschung dieses Phänomens kann auch ein erster Schritt zur Bewusstseinsschaffung zeitgemäßer Architektur im Umgang mit vermeintlichen Originalen in Europa sein. Ein wesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, gebaute Beispiele auf ihre einzelnen räumlichen Qualitäten hin zu untersuchen. Die systematische Aufarbeitung der Bauten unter Zugrundlegung einzelner thematischer Schwerpunkte ermöglichen neue Erkenntnisse und Querbeziehungen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Immer wieder wird auch versucht die Entwurfsintention des Architekten herauszufiltern, Konzepte zu verstehen und Gemeinsamkeiten mit anderen Bauten sowohl in Europa als auch in Japan zu finden. Die Analyse der Bauten gelangt zu dem Ergebnis, dass Hochzeitskapellen einen eigenständigen Bautyp darstellen, welcher sowohl europäische als auch traditionell japanische Elemente beinhaltet. Sie werden in die Form einer Kirche verpackt, mit bauhistorischen Zitaten "dekoriert" und so zu zeichenhaften Gebäuden. Dass in den Bauten auch Shintō oder buddhistische Elemente integriert werden, wird zumeist verschwiegen. Die Form ergibt sich einerseits aus historischen Vorbildern, andererseits aus der übernommenen rituellen Handlungsweise. Die Annahme, dass die christliche Kirchenarchitektur in Japan als Vorbild gedient hat und diese auch teilweise in die Hochzeitsindustrie integriert wurde, ist nur eine Facette. Die „echten“ Vorbilder für die Hochzeitskapellen sind jedoch in Film und Fernsehen aus den USA und Europa zu suchen, welche je nach Belieben und Bedürfnis der Paare adaptiert und abgeändert werden. Bei den analysierten Bauten handelt es sich zumeist nicht (nur) um "Kopien", sondern auch um Weiterentwicklungen, die sich auch aus der rituellen Handlung während einer Hochzeitszeremonie ergeben. Baustile verkommen dabei zum Zeichen, die bewusst eingesetzt werden, um Atmosphäre zu erzeugen. Die Rückbeziehung auf historische Vorbilder schafft eine Vertrautheit, die Integration modernster Technik mit Lichteffekten, Klimaanlagen etc. befriedigt die Bedürfnisse einer technisch hochentwickelten Generation, die sich für einen Tag in eine Scheinwelt flüchtet. Für "ihren besonderen Tag" wünschen sich viele Paare eine "heile Welt", die räumliche Umsetzung wird im Rahmen dieser Arbeit erforscht. Bei der Analyse von modernen Neuschaffungen wird besonders deutlich, dass eine Hochzeitskapelle aus mindestens einem repräsentativem Kirchenportal, einem Mittelgang (Virgin Road), einem Altar mit Kreuz oder Herz und einem Turm bestehen (muss). Obwohl viele dieser Hochzeitskapellen als "echte" Kirchen wahrgenommen werden können und auch in der Fachliteratur als "Kirchen" bezeichnet werden, handelt es sich fast ausschließlich um profane Bauten. Zeichen und Symbole verkommen zu Platzhaltern. Mit dem Ablegen dieses geistigen Korsetts wird es möglich neue Ideen zu entwickeln, die Ausdruck einer lebendigen Architekturszene sind.
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The following work deals with the exploration of spatial qualities in wedding chapels in Japan. On the basis of an analysis of the subject area around the "marriage in Japan" special qualities of space and characteristics of wedding chapels are analysed on the basis of built examples and compared with "real churches" or with the Missale Romanum, as "building instructions for church buildings". These buildings are also compared with traditional Japanese examples and concepts to understand deviations in the architecture. Although the wedding chapel is largely unknown in Europe, it is an important part of the economic rise in Japan. Research into this phenomenon can also be a first step towards raising awareness of contemporary architecture in Europe. An essential part of the work is to examine built examples for their individual spatial qualities. The systematic refurbishment of buildings based on individual thematic focal points such as course designs, routing and the design of facades; the dismantling of buildings into individual components; topics such as lighting, shadows and colour enable new insights and cross-relationships that are not immediately recognizable. Again and again, an attempt is made to filter out the design intent. The analysis of the buildings concludes that wedding chapels represent an independent building type, which includes European and traditional japanese elements. They are wrapped in the shape of a church, "decorated" with building-historical quotations and thus become symbolic buildings. The fact that Shintō or Buddhist elements are integrated in the buildings is mostly concealed. The form results on the one hand from historical role models, on the other hand from the assumed ritual behaviour. The assumption that the Christian church architecture in Japan has served as a model and that it has also been partially integrated into the wedding industry is only one facet. However, the "real" role models for the wedding chapels are to be found in film and television from the US and Europe, which are adapted and modified according to the interests and needs of the couples. Most of the buildings analysed are not (only) "copies", but also further developments, which also result from the ritual act during a wedding ceremony. Architectural styles become a sign that are deliberately used to create a certain atmosphere. The reliance on historical models creates a familiarity, the integration of modern technology with light effects, air conditioners, etc. satisfies the needs of a technically sophisticated generation, who flee for a day in a false world. Many couples wish for "their special day" - an "ideal world", the spatial realization is explored in the context of this work. In the analysis of modern new creations, it becomes particularly clear that a wedding chapel must (at least) consist of at least one representative church portals, a central aisle (virgin road), an altar with a cross or heart and a tower. Although many of these wedding chapels can be perceived as "real" churches and are also referred to in the literature as "churches", they are almost exclusively secular buildings. Signs and symbols become depleted.With the removal of this intellectual corset, it becomes possible to develop new ideas that are an expression of a lively architectural scene.
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Abweichender Titel nach Übersetzung der Verfasserin/des Verfassers