Title: Die Erfindung der autonomen Architektur Eine Untersuchung zur Genealogie von Emil Kaufmanns kunst- und architekturhistorischem Begriff der Autonomie und dessen Rezeption in der Nach- und Postmoderne
Other Titles: The Invention of Autonomous Architecture an investigation of the genealogy of Emil Kaufmann‘s historical concept of autonomy in art and architecture, and its reception in modern and postmodern art history
Language: Deutsch
Authors: Grzonka, Patricia Susanne 
Qualification level: Doctoral
Advisor: Franck-Oberaspach, Georg 
Assisting Advisor: Schnell, Angelika 
Issue Date: 2021
Number of Pages: 256
Qualification level: Doctoral
Abstract: 
Der österreichische Kunst- und Architekturhistoriker Emil Kaufmann (1891-1953) prägte den Begriff der „Autonomen Architektur“ zu Beginn der 1930er-Jahre ausgehend von Untersuchungen zum franzö- sischen Architekten Claude-Nicolas Ledoux (1736-1806). Kaufmanns Publikationen zur französischen Revolutionsarchitektur und zum Klassizismus zählen zu den wichtigsten architekturtheoretischen Texten des 20. Jahrhunderts, wie auch die „Wiederentdeckung“ dieser ihm generell zugeschrieben wird. Kaufmann promovierte 1920 an der Universität Wien in Kunstgeschichte. Durch seine jüdischen Wurzeln ein Gefährdeter des Nazi-Regimes, musste er 1940 Österreich verlassen und war damit ein Betroffener deutschsprachiger Wissensemigration der Kunstgeschichte im englischen Sprachraum. Bereits in Österreich war das Stagnieren seiner Karriere der antisemitischen Gerichtetheit am Kunsthistorischen Institut Wien während der Zwischenkriegszeit geschuldet. Sein persönlicher Lebensweg war wesentlich von der Erfahrung des Exils in den USA und den damit verbundenen unsicheren Lebens- und Einkommensverhältnissen geprägt.Das Projekt „Die Erfindung der autonomen Architektur“ geht der Frage nach dem Beitrag Kaufmanns zur Entwicklung der modernen Architekturgeschichte und –theorie nach. Dabei wird die Entstehung des Begriffs „Autonome Architektur“ aus frühen und bislang unerschlossenem oder wenig bekanntem Material untersucht, wie Kaufmanns Dissertation von 1920. Es zeigt sich, dass die Konstruktion des Begriffs von semantischen Überlagerungen geprägt ist, an deren Ursprung ein rigoroser, aus dem deutschen Idealismus stammender Formalismus einerseits und ein ideologisch-philosophisch geprägtes Konzept andererseits steht. Die antagonistischen Pole seiner Architekturtheorie wirken sich auch auf die Interpretationen der Rezipient*innen aus, die in einem zweiten Teil anhand von (größtenteils postmodernen) Architekten des 20. und 21. Jahrhunderts exemplarisch bei Oswald Mathias Ungers, Philip Johnson, Peter Eisenman, Aldo Rossi und Pier Vittorio Aureli diskutiert werden.Unter Berücksichtigung zahlreicher teilweise zwar bekannter aber noch unerschlossener Archivmaterialien – einem Briefwechsel mit dem US-amerikanischen Architekturhistoriker Meyer Shapiro auf der Columbia University oder den Akten des Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars in der New York Public Library – aber auch mit Quellenfunden wie dem Rigorosenakt Kaufmanns oder einem unbekannten Briefaustausch mit Walter Gropius aus dem Jahr 1947, stellt das Projekt auch einen Beitrag zu einer Aktualisierung österreichischer Wissenschaftshistoriographie dar. Es können Lücken in der Biographie Kaufmanns geschlossen werden, der in seinem Ursprungsland im Vergleich zu den USA, Frankreich oder Italien in der akademischen Forschung kaum oder gar nicht bekannt ist. Zudem zeigen die Quellen, dass Kaufmanns Interesse an der zeitgenössischen Architektur in beschränktem Maße durchgehend gegeben war.Neben der textbasierten Kontextuntersuchung widmet sich die Arbeit auch einer theoretischen Darstellung des Begriffs der Autonomie in der Moderne in den benachbarten Disziplinen der Architektur und der bildenden Kunst. Autonomie als ästhetische Kategorie gefasst stellt sich jeweils unterschiedlich dar. Diese unterschiedlichen Auffassungen lassen sich anhand von Kaufmanns Konzept der „Autonomen Architektur“ exemplarisch verdeutlichen und tragen somit dazu bei, eine historisch komplexe Debatte zu differenzieren und zu klären. Ein weiterführender Bildteil öffnet hier eine Ebene der assoziativ-visuellen Dokumentation, die das Thema der autonomen Architektur aus heutiger Sicht auch umfasst.Mit seiner Interpretation des Neuen Bauens als einem Kontinuitätsparadigma vom späten 18. Jahrhundert bis zum frühen 20. Jahrhundert hat Kaufmann schließlich auch zu einer heftigen Polemik beigetragen. Seine These bildete die Munition – und überhaupt die Grundlage – für Hans Sedlmayrs restaurativen Generalangriff auf die moderne Kunst beginnend mit einer Vorlesung in den 1930er-Jahren und kulminierend im Buch Verlust der Mitte (1948), das zum konservativen Bestseller der 1950er-Jahre wurde. Kaufmann zeichnet selbst keinen direkten Nahbezug zur Avantgardearchitektur aus, dennoch ist seine Position als diametral entgegengesetzt zu derjenigen Sedlmayrs zu betrachten, der trotz seines kruden Bekenntnisses zum Nationalsozialismus in den 1930er-Jahren und einer antimodernen Kultur- kritik sich in der Nachkriegszeit rehabilitieren konnte.

The Austrian art and architecture historian Emil Kaufmann (1891-1953) coined the term „autonomous architecture“ at the beginning of the 1930s based on studies of the revolutionary architect Claude-Nico- las Ledoux. It is largely thanks to his research that the works of this French architect, and subsequently those of Étienne-Louis Boullée and Jean-Jacques Lequeux, were not forgotten or „rediscovered“ in the first half of the 20th century. Kaufmann‘s articles and books on various themes of French revolutionary architecture and classicism are among the most important architectural-historical publications of the 20th century. Kaufmann belonged to that generation of Jewish scholars who wrote a large part of their work in emigration — and who had been trained in Vienna.In my study „The Invention of Autonomous Architecture“, I explore Emil Kaufmann‘s contribution to the development of modern architectural history and theory. In particular, I examine the emergence of the concept of „autonomous architecture“ from early and hitherto unexplored or little known material, such as his dissertation, and examine its reception in the second half of the 20th or 21st century. It becomes apparent that the construction of the term is characterized by semantic overlaps, at the origin of which is a rigorous formalism, on the one hand, and an ideological-philosophical concept, on the other. These antagonistic poles of his architectural theory ultimately have an effect on the various interpreta- tions of the recipients: Autonomy is used today for all kinds of interests in architecture. The work can show that this ambivalence of the concept of autonomy already lies at the „origin“ — to quote Kaufmann himself — of his „autonomous architecture“. And it is precisely because of this, I believe, that the term has had such a great, momentous resonance.Research sources includes documentation in numerous archives, some of which was known but has not yet been covered: an exchange of letters with the US-American architectural historian Meyer Shapiro at Columbia University, the files of the Emergency Committee in Aid of Displaced Foreign Scholars at the New York Public Library. for example, or source material from Kaufmann‘s Rigorous Act and an unknown exchange of letters with Walter Gropius from 1947. The project also contributes to an update of the Austrian historiography of science. Gaps in Kaufmann‘s biography can also be filled. In addition, the sources show that Kaufmann‘s interest in contemporary architecture was to a limited extent continuous.While his research in the USA contributed significantly to the constitution of a modern theory of architecture and was recognized as the basis for architectural history, Kaufmann himself remained relatively unknown in Europe — with the exception of France, Italy and Switzerland. His theories had already had a great impact during his lifetime, for example on architects such as Louis Kahn or Philip Johnson, whose Glass House was designed from „autonomous“ elements. After his death, his influence on postmodern architects and architectural historians grew. These include Peter Eisenman or Colin Rowe in the USA, as well as, in Europe, Aldo Rossi, Oswald Mathias Ungers and even Pier Vittorio Aureli today.
Keywords: Autonome Architektur; Emil Kaufmann
autonomous architecture; Emil Kaufmann
URI: https://doi.org/10.34726/hss.2021.90041
http://hdl.handle.net/20.500.12708/17241
DOI: 10.34726/hss.2021.90041
Library ID: AC16187745
Organisation: E259 - Institut für Architekturwissenschaften 
Publication Type: Thesis
Hochschulschrift
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