Schlack, M. L. (2025). Seegrasdächer Neu:Entdecken : ein einzigartiger vernakulärer Bautypus auf der dänischen Kattegatinsel Læsø [Diploma Thesis, Technische Universität Wien]. reposiTUm. https://doi.org/10.34726/hss.2025.120490
Die Seegrasdächer von Læsø sind ein weltweit einzigartiger vernakulärer Bautypus. Im 18. Jahrhundert waren sämtliche Dächer auf der dänischen Kattegatinsel mit Seegras bedeckt. [Kaarup 2012, S. 43] Ein Massensterben der Seegraspopulation in dänischen Gewässern 1932 und 1933, [Rasmussen 1977, S. 6] gekoppelt mit dem Import neuer Materialien, sorgte für das allmähliche Verschwinden der Seegrasdächer, sodass bei der letzten offiziellen Kartierung im Jahr 2013 vom Center for Bygningsbevaring (dänisches Zentrum für Denkmalschutz) nur noch 39 Bauten mit Seegrasdach identifiziert werden konnten. Im Sommer 2024 wurden im Rahmen dieser Arbeit 31 Seegrashäuser auf Læsø registriert und dokumentiert. Anhand der Untersuchung, unterstützt durch den Vergleich historischer Abbildungen und Beschreibungen, konnten die Elemente, Fügungen und Verbindungen der Tragwerke sowie der schrittweise Bauprozess der Seegrasdächer erarbeitet werden. Die Abhandlung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede aller Objekte identifizieren und definieren die Seegrasdächer von Læsø als eigenen Bautypus. Für den Vergleich der Dimensionen wurden 15 Gebäude näher untersucht und deren Maße mittels Handaufmaß oder Planmaterialien ermittelt. So wurden einheitliche Gebäudebreiten von 5 bis 6 m, große Achsabstände im Dachtragwerk von etwa 160 bis 190 cm, geringe lichte Raumhöhen von kleiner als 2 m, Gebäudehöhen von 5 bis 6 m und Dachneigungen von 45° bis 50° festgestellt. Außerhalb von Læsø existieren heute die einzigen Seegrasdächer weltweit auf der Shandong-Halbinsel im Nordosten von China. Die Untersuchung der geografischen und klimatischen Begebenheiten sowie der Vorkommen natürlicher Ressourcen zeigen auffällige Überschneidungen mit Læsø. Obwohl die verwendeten Materialien beider Seegrasdachtypen sehr ähnlich sind, weisen die Bautechniken große Unterschiede auf, die verschiedene Vorteile schaffen. Der Vergleich der Seegrasdächer von Læsø mit den lokal am meisten verbreiteten vernakulären Dächern, den Reetdächern, zeigt, dass die Seegrasdächer mindestens ebenbürtig sind. Zwar stellen das hohe Eigengewicht und die schlechte Wasserableitung der Seegrasdächer Nachteile dar, sie besitzen jedoch eine erstaunliche Haltbarkeit von circa 300 Jahren und bestehen damit etwa sechsmal so lang wie Reetdächer. Besonders überzeugend gegenüber Reet und anderen natürlichen Dachdeckungen ist das Brandverhalten. Aufgrund des hohen Salzgehaltes brennen Seegrasdachdeckungen nicht und wirken feuerhemmend. Zusätzlich besitzen die Dächer außergewöhnlich gute Dämmeigenschaften und weisen zusätzliche Funktionen als Gründach mit vielfältigem Pflanzenbewuchs und begehbares Dach auf. Nachteile liegen in der schlechten Belichtung der Innenräume durch große Dachüberstände und im hohen Arbeitsaufwand beim Dachdecken. Für die Zukunft von Seegrasdächern spielen sowohl das Bewahren als auch das Neudenken eine entscheidende Rolle. Seegras als natürliches, nachwachsendes und schadstofffreies Material stellt eine ökologische Alternative zu konventionellen Baustoffen dar, die Vorteile für Mensch und Umwelt mit sich bringt. Der gesamte Lebenszyklus eines Seegrasdaches ist emissionsarm und entspricht dem Cradle to Cradle Prinzip. Die globale Flächenausbreitung von Seegras ist seit vielen Jahren rückläufig, doch erfolgreiche Projekte, die auf der Reduzierung anthropogener Stressoren oder dem Anpflanzen von Seegras basieren, kombiniert mit der potenziellen weltweiten Seegrasfläche, zeichnen ein vielversprechendes Bild für ein regionales Überangebot als Baumaterial. Bisher sind nur wenige Projekte moderner Seegrasdächer vorhanden, obwohl das Forschungsfeld großes Potenzial bietet. In Zukunft könnte sich das Seegrasdach als natürliche Alternative in den Küstenregionen des Nordatlantiks und -pazifiks neu etablieren.
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The Seaweed Roofs of Læsø represent a globally unique building type of vernacular architecture. In the 18th century, all roofs on the Danish Kattegat island were covered with eelgrass. [Kaarup 2012, p. 43] However, a wasting disease that destroyed the seagrass populations in Danish waters in 1932 and 1933 [Rasmussen 1977, p. 6], combined with the increasing use of imported building materials, led to a gradual decline in this roofing tradition. By 2013, the Center for Bygningsbevaring (Danish Center for Monument Protection) identified only 39 remaining buildings with seaweed roofs. As part of this study, 31 seaweed houses on Læsø were recorded and documented during the summer of 2024. Based on fieldwork and comparisons with historical illustrations and written sources, the structural components and joints, as well as the construction sequence of the roofing could be analysed in detail. The comparison of similarities and differences among the examined houses defines the Seaweed Roofs of Læsø as a distinct building type. To compare dimensional data, 15 buildings were studied more closely using hand measurements and existing plans. Typical features include consistent building widths of 5 to 6 meters, wide rafter spacings of 160 to 190 cm, low interior heights under 2 meters, overall building heights of 5 to 6 meters, and roof pitches of around 45° to 50°. Today, outside of Læsø, the only other known seaweed roofs are found on the Shandong Peninsula in northeastern China. The investigation of the geographical and climatic conditions as well as the availability of natural resources reveals striking parallels to Læsø. While the materials used are similar, the construction methods differ considerably, resulting in various advantages. A comparison with the most common vernacular roof type in Denmark, the thatched roof, shows that seaweed roofs should be regarded as at least equal. Despite disadvantages such as high dead weight and poor water drainage, seaweed roofs offer exceptional durability of 300 years, lasting approximately six times longer than thatch. Their fire performance is particularly noteworthy. Due to their high salt content, eelgrass coverings do not burn and have fire-retardant properties. They provide excellent insulation and additionally function as a green roof with diverse plant growth and a walkable roof. Disadvantages are poor daylighting in the interior spaces due to large roof overhangs and the amount of work involved in roofing. Looking to the future, both conservation and reimagination are essential for the relevance of seaweed roofs. As a natural, renewable and pollutant-free material, seagrass represents an ecological alternative to conventional building materials, with benefits for people and the environment. The entire life cycle of a seaweed roof is low-emission and corresponds to the cradle-to-cradle principle. The global distribution of seagrass has been declining for many years, but successful restoration projects based on the reduction of anthropogenic stressors or planting seagrass, combined with the potential global seagrass area, indicate a promising outlook for a regional oversupply as a building material. So far, only a few projects of modern seaweed roofs are available, although the research field offers great potential. In the future, seaweed roofs could re-establish themselves as a natural alternative in the coastal regions of the North Atlantic and Pacific.
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Abweichender Titel nach Übersetzung der Verfasserin/des Verfassers